Urlaub unantastbar

Gibt es einen Anspruch auf unlimitierten Tourismus?

Reisen gilt heute als etwas Selbstverständliches. Für viele gehört es zum guten Leben dazu. Man arbeitet das ganze Jahr, also hat man sich den Urlaub verdient. Im Herbst wird bereits der nächste gebucht. Vielleicht ans Meer. Vielleicht in die Berge. Hauptsache raus.

Doch wann haben wir eigentlich begonnen, daraus einen Anspruch abzuleiten? Runterkommen, entspannen, neue Orte entdecken, Menschen begegnen. Daran ist nichts falsch. Im Gegenteil. Reisen kann den Horizont erweitern, Verständnis fördern und unvergessliche Erlebnisse schaffen.

Gleichzeitig hinterlässt jede Reise Spuren. Flugzeuge stossen CO₂ aus. Kreuzfahrtschiffe verschmutzen Luft und Gewässer. Beliebte Reiseziele kämpfen mit Wohnungsnot, überfüllter Infrastruktur und übernutzten Naturräumen. Aus kleinen Fischerdörfern werden Kulissen für Selfies. Aus Naturparadiesen werden Attraktionen, die unter ihrem eigenen Erfolg leiden.

Trotzdem wird Tourismus oft behandelt, als wäre er grundsätzlich unantastbar.

Vor Kurzem bin ich auf die Arbeit des Tourismusforschers Adrian Müller gestossen. Gemeinsam mit Ralf Vogler und Dr. Nadja Schweiggart beschäftigt er sich mit einer Frage, die erstaunlich selten gestellt wird: Wie gehen wir mit Reisefreiheit um, wenn Tourismus gleichzeitig Klima, Umwelt und Gastgemeinden belastet?

Die Frage ist unbequem. Denn sie rüttelt an einer Vorstellung, die tief in unserer Gesellschaft verankert ist: Dass jede und jeder jederzeit und unbegrenzt reisen können sollte.

Doch ist das tatsächlich ein Recht? Oder haben wir uns schlicht daran gewöhnt?


Freiheit bedeutet nicht Folgenlosigkeit

Die Forschenden schlagen kein Verbot von Reisen vor. Sie fordern auch keine moralischen Pranger für Menschen, die Urlaub machen. Stattdessen stellen sie eine einfache Gegenfrage: Welche Verantwortung geht mit unserer Freiheit zu reisen einher?

Dafür entwickeln sie ein Stufenmodell mit fünf Fragen als Entscheidungshilfe (oder zum Reflektieren):

  • 1. Legitime Reisezwecke: Habe ich einen legitimen Zweck für die Reise, der nicht auf der Absicht beruht, Schaden zu verursachen?
  • 2. Geeignete Option: Wird der beabsichtigte Zweck – etwa kultureller Austausch oder Erholung – überhaupt erfüllt?
  • 3. Notwendigkeit: Ist die gewählte Mobilitätsform erforderlich, um das gewünschte Zeil der Selbstentfaltung zu erreichen (handelt es sich um die umweltfreundlichste Variante)?
  • 4. Heutige Gerechtigkeit: Ist die Reise gegenüber der heute lebenden Weltbevölkerung und den Gastgemeinden fair und verhältnismässig?
  • 5. Künftige Gerechtigkeit: Sind die Reise und der damit verknüpfte #CO2-Ausstoss gegenüber zukünftigen #Generationen und deren Freiheitsrechten zu rechtfertigen?

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr überzeugt mich dieser Ansatz. Nicht weil er perfekte Antworten liefert, sondern weil er eine Selbstverständlichkeit infrage stellt.


Was wäre eine möglichst klimafreundliche Reise zu uns?

Jede Reise verursacht Emissionen. Jede Reise verbraucht Ressourcen. Die Frage kann deshalb nicht sein, wie Reisen völlig klimaneutral wird, sondern wie die Belastung möglichst gering gehalten werden kann.

Schauen wir das Treppenmodell einmal anhand unseres Ferienhauses an.


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Wer die ganze Studie Vacation untouchable – a deconstruction of the liberal ‘right to tourism’ lesen will, findet sie hier:


Der legitime Grund

Vielleicht sind Sie auf der Durchreise und suchen eine Unterkunft. Vielleicht besuchen Sie Freunde oder Familie in der Region. Vielleicht unterstützen Sie sogar ein Naturschutzprojekt oder engagieren sich in einem lokalen Verein. Vielleicht möchten Sie einfach einige Tage in einer Landschaft verbringen, die Erholung ermöglicht. Welchen Grund haben Sie?

Erfüllt die Reise ihren Zweck?

An der Mosel gibt es zahlreiche Möglichkeiten, die Reise sinnvoll zu gestalten: Wanderungen durch die Weinberge, ausgedehnte Fahrradtouren entlang des Flusses, Naturbeobachtungen, kulturelle Angebote oder einfach Zeit, um zur Ruhe zu kommen. Besonders gefreut haben uns die Rückmeldungen von Gästen, die berichten, dass sie sich im Haus aussergewöhnlich wohlfühlen und dort so gut schlafen wie selten zuvor. Möglicherweise trägt die wohngesunde Holzbauweise des Baufritz Hauses dazu bei. Wer im Alltag von Lärm, Stress und Termindruck begleitet wird, sucht manchmal keinen weiteren Programmpunkt, sondern schlicht einen Ort zum Durchatmen und Erholen.

Auch für Menschen, die regelmässig geschäftlich in der Region unterwegs sind, kann der Aufenthalt einen konkreten Zweck erfüllen. Statt eines anonymen Hotelzimmers bietet das Haus einen ruhigen Rückzugsort zum Arbeiten und Entspannen. Wer Arbeit und Erholung verbinden möchte, findet hier gute Voraussetzungen für eine #Workation in einer naturnahen Umgebung.

Ist die gewählte Mobilitätsform erforderlich?

Hier wird es interessant. Man kann mit der Bahn und dem Bus anreisen. Man kann mit dem Fahrrad anreisen. Wer mit dem Elektroauto kommt, kann bei uns Solarstrom beziehungsweise Strom aus erneuerbaren Energien laden. Vor Ort lässt sich vieles zu Fuss, mit dem Fahrrad oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln erledigen.

Ganz ohne Widersprüche ist das natürlich nicht. Das Ferienhaus liegt nicht direkt neben einem Flughafen, dennoch sind die Flughäfen Köln/Bonn, Düsseldorf und Frankfurt-Hahn (53 km) relativ gut erreichbar. Rein praktisch wäre also auch eine Anreise per Flugzeug möglich. Die entscheidende Frage lautet jedoch nicht, ob etwas möglich ist, sondern ob es erforderlich und gerechtfertigt ist.

Genau darum geht es bei diesem Schritt des Modells: Gibt es eine umweltverträglichere Alternative, die den gleichen Zweck erfüllt?

Ist die Reise gegenüber der heute lebenden Weltbevölkerung und den Gastgemeinden gerechtfertigt?

Die Menschen vor Ort freuen sich in der Regel über Gäste. „Overtourism“ ist in unserer Region bisher eher weniger ein Thema. Wobei einige Hotspots wie die Geierlay Hängebrücke, die berühmte Moselschleife bei Bremm oder Kulturgüter wie die Burg Eltz in der Saison schon sehr beliebte Ausflugsziele sind. Tourismus vor Ort schafft Einkommen und unterstützt lokale Betriebe. Gleichzeitig darf man die Belastungen nicht ausblenden. Auch kleinere Regionen haben begrenzte Ressourcen.

Ist die Reise gegenüber kommenden Generationen gerechtfertigt?

Das ist vermutlich die schwierigste Frage. Es macht einen Unterschied, ob jemand für zwei Nächte mit dem Flugzeug anreist oder für mehrere Wochen mit der Bahn kommt. Es macht einen Unterschied, wie viel Energie vor Ort verbraucht wird und wie sorgsam mit Wasser und anderen Ressourcen umgegangen wird.

Wir sehen die Folgen des Klimawandels bereits heute deutlich. Hitzeperioden und Trockenheit nehmen zu. Jedes Zehntelgrad Erwärmung macht einen Unterschied, darum ist es essentiell die CO2 Emissionen zu reduzieren. Auch wir kämpfen inzwischen mit Wassermangel. Unsere Zisterne war noch nie so leer wie heute. Den Anspruch an einen üppig grünen Garten können wir längst nicht mehr erfüllen.

Gleichzeitig versuchen wir, unseren eigenen Beitrag zu leisten. Wer bei uns zu Gast ist, kann seinen Fussabdruck relativ klein halten: durch eine klimafreundliche Anreise, einen längeren Aufenthalt, einen sparsamen Umgang mit Wasser und Energie sowie die Nutzung von Fahrrad und öffentlichem Verkehr.

Aber auch wir sehen Verbesserungspotenzial. Die Toilettenspülung verbraucht noch zu viel Wasser. Die Empfehlung der Bepflanzung des Gartens ist nicht klimaangepasst. Es fehlen Bäume, die Schatten spenden… Hier werden wir nachbessern müssen.


Keine perfekten Antworten

Was mir an der Studie gefällt: Sie behauptet nicht, dass Reisen grundsätzlich falsch sei. Sie erinnert uns daran, dass Reisefreiheit nicht bedeutet, die Folgen des eigenen Handelns auszublenden.

Vielleicht besteht die wichtigste Erkenntnis darin, dass weniger oft mehr ist: weniger Reisen, dafür bewusster. Längere Aufenthalte statt Kurztrips. Bahn statt Flugzeug. Orte erleben statt sie nur zu konsumieren.

Und vielleicht sollten wir uns vor jeder Reise einfach die fünf Fragen stellen. Nicht weil wir müssen. Sondern weil Verantwortung und Freiheit zusammengehören.

Buddha Burg Bischofstein

Häufige Fragen zu klimafreundlichem Reisen

Wie kann ich klimafreundlich reisen?

Klimafreundliches Reisen beginnt mit der Frage, ob eine Reise notwendig ist und wie sie möglichst ressourcenschonend gestaltet werden kann. Dazu gehören eine längere Aufenthaltsdauer, eine klimafreundliche Anreise mit Bahn, Bus oder Fahrrad, die Nutzung regionaler Angebote und ein bewusster Umgang mit Energie und Wasser vor Ort.

Was ist besser: öfter kurz verreisen oder länger an einem Ort bleiben?

Häufig ist ein längerer Aufenthalt die bessere Wahl. Die Anreise verursacht einen grossen Teil der Umweltbelastung einer Reise. Wer länger an einem Ort bleibt, verteilt diese Belastung auf mehr Urlaubstage und kann gleichzeitig intensiver in die Region eintauchen. Statt viele Orte nur kurz zu besuchen, entsteht Raum für echte Erholung, Begegnungen und regionale Erfahrungen.

Wie kann ich meinen CO₂-Fußabdruck beim Reisen reduzieren?

Die grössten Unterschiede entstehen durch die Wahl des Verkehrsmittels, die Dauer des Aufenthalts und das Verhalten vor Ort. Eine längere Reise mit klimafreundlicher Anreise kann häufig besser sein als mehrere kurze Reisen mit hohem Energieverbrauch. Hier kann man zum Beispiel den eigene CO2-Fussabdruck berechnen: WWF-Klimarechner

Bietet ihr ein Gäste-Ticket für Bus und Bahn an?

Aktuell noch nicht. Wir beobachten jedoch das Interesse unserer Gäste und würden ein solches Angebot gerne prüfen, wenn genügend Nachfrage besteht. Wenn dir ein Gäste-Ticket wichtig ist, freuen wir uns über eine kurze Rückmeldung – denn Angebote entstehen auch durch die Wünsche unserer Gäste.


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